Artikel der Internet-Zeitung Rostock vom 09.02.2012

Sergio Achilles, Geschäftsführer des Lernen und Leben e.V., hat eine ganze Wand voller Baupläne in seinem Büro. , Foto: Frank SchlößerSergio Achilles, Geschäftsführer des Lernen und Leben e.V., hat eine ganze Wand voller Baupläne in seinem Büro.Foto: Frank Schlößer

Schulen und Kitas haben Bedarf ohne Ende

Der Verein "Institut Lernen und Leben" ist am Expandieren - mit Baustellen in Rostock-Gehldsorf, in den Landkreisen Vorpommern-Rügen, Vorpommern-Greifswald und im Landkreis Rostock. Frank Schlößer sprach mit dem Geschäftsführer Sergio Achilles.

das-ist-rostock.de: Sergio Achilles, wo bauen Sie derzeit überall?

Sergio Achilles: Ich hab mir das mal aufgeschrieben: Eine Kita in Wolgast mit 75 Plätzen, in diesem Jahr kommt noch eine in Rostock-Gehlsdorf (87 Plätze) und Steinhagen bei Stralsund mit 48 Plätzen hinzu. Im kommenden Jahr haben wir Neubau-Projekte in Greifswald, Bad Doberan, in Stralsund selbst und die Instandsetzung der Kita in Ribnitz-Damgarten im Fokus.

das-ist-rostock.de: Wo sollen denn die vielen Kinder herkommen?

Sergio Achilles: Einige Bauprojekte sollen ja vorhandene Einrichtungen ersetzen und sie den neuen Standards anpassen - entsprechend des Kita-Förderungsgesetzes und der Richtlinien des Landesamtes für Gesundheit und Soziales. Für die Neubauten gibt es zudem Riesenbedarfe, die im Augenblick nicht abgedeckt werden können. Das sehen wir - als der größte Träger von Kitas in Rostock - ja auch an unseren eigenen momentanen Wartelisten. Verschärfend wirkt sich zudem die Umsetzung des bundesweiten Rechtsanspruches auf einen Krippenplatz mit dem 1. August 2013 aus, die einen Anstieg der Nachfrage an Krippenplätzen zur Folge haben wird. Die Stadt stößt jetzt schon bei der Sicherstellung des Bedarfes an Krippen- und Kindergartenplätzen an ihre Grenzen - vor allem in der Innenstadt.

das-ist-rostock.de: Aber ist der Bedarf in Gehlsdorf auch dauerhaft vorhanden?

Sergio Achilles: Wir haben dem Jugendamt mitgeteilt, dass wir Kapazitäten haben, um noch einmal bauen zu können. Das Jugendamt hat unser Vorhaben mit den ihnen vorliegenden Bedarfszahlen für den innerstädtischen Bereich abgeglichen und speziell für Gehlsdorf/Krummendorf und Toitenwinkel einen dauerhaften Mehrbedarf von über 100 Plätzen angezeigt. So ist das Ziel entstanden, eine Kindertagesstätte mit 87 Plätzen zu planen und zu bauen. Wir sprechen hier von 51 Kindergarten- und 36 Krippenplätzen. Ziel ist, am 1. Dezember dieses Jahres zu eröffnen. Im April oder Mai wollen wir anfangen zu bauen. Deshalb auch die Bauvoranfrage beim Bauamt, damit wir eventuell die Genehmigungsphase verkürzen können. Wichtig dafür ist die Transparenz im Stadtteil und im Ortsbeirat. Nach meinen Informationen wird Ende Februar unser geplantes Bauvorhaben Gegenstand der Ortsbeiratssitzung sein.

das-ist-rostock.de: Die Kindergärtnerinnen der Kindervilla Cords befürchten, dass es in Zukunft zu wenig Kinder für zwei Einrichtungen in Gehlsdorf gibt.

Sergio Achilles: Wir sind ganz sicher keine Konkurrenz, sondern eine Ergänzung der aus pädagogischer Sicht vielfältigen Angebote in der Hansestadt Rostock. Die Bedarfe werden im Gebiet Gehlsdorf mit Krummendorf und Toitenwinkel dauerhaft auf einem hohen Niveau liegen. Beide Einrichtungen werden über Jahre zu tun haben, die Platzansprüche der Eltern sicher zu stellen. Ansonsten gilt das Prinzip "Kurze Beine - kurze Wege" - wir bauen die Kita in das neue Wohngebiet hinter Gehlsdorf in Richtung Langenort/Krummendorf. Auch deshalb, weil die Cords-Villa für diese Familien nicht zu Fuß erreichbar ist. Offen sind wir aber auch für Eltern und ihre Kinder, die unsere Einrichtung aufgrund des pädagogischen Konzeptes gezielt ansteuern und Fahrwege auf sich nehmen.

das-ist-rostock.de: Müssen Sie für den Neubau nicht die Kita-Gebühren anheben?

Sergio Achilles: Nein, die bleiben auf dem üblichen Niveau. Wir können oft mit einem Neubau die Betriebskosten senken, zum Beispiel, indem wir uns - wie in Gehlsdorf üblich - an die Fernwärme anschließen. Bisher haben wir meistens Wärmepumpen genutzt. Durch solche Maßnahmen gleichen wir die Kosten für den Neubau schon ein wenig aus. Der Bau kostet eine Million Euro - ein guter Preis für 87 Plätze. Wir sind wieder selbst Bauherr, das hat schon in der Kita am Güterbahnhof gut funktioniert, die wir Anfang dieses Jahres eröffnet haben.

das-ist-rostock.de: Folgen den Kitas auch die entsprechenden Schulen nach?

Sergio Achilles: Wir halten momentan die vierjährige Grundschule am Wasserturm und die neu gebaute erweiterte Grundschule für die Klassenstufen 1-6 in Kassebohm vor. In Kassebohm werden wir in diesem Jahr drei erste Klassen eröffnen, weil der Bedarf riesig ist. In Zukunft soll die Schule aber weiter zweizügig bleiben. Wir sind derzeit in der Vorphase der Antragstellung auf eine Erweiterung des Schulcampus in Kassebohm - für ein zweizügiges Gymnasium, das 2015 eröffnet werden soll.

das-ist-rostock.de: Dann können die Kinder nach der sechsten Klasse in Kassebohm bleiben?

Sergio Achilles: Genau deshalb dieser Termin: In unserer aufbauenden Schule haben wir jetzt zwei 3. Klassen. Diese Schüler werden die ersten sein, die dann ins neue Gymnasium kommen. Wir werden aber nicht ein Schulgebäude bauen, sondern eine große Kita neben die Schule errichten, die die Hort- und Kindergartenkinder aufnehmen wird. Sie sind zurzeit im Schulgebäude untergebracht. Im Kitagebäude werden auch Freizeitangebote für die Schülerinnen und Schüler der weiterführenden Schule ermöglicht. Damit entsteht ein soziokulturelles Zentrum mit dem Anspruch, Bildungsangebote vom Kindergarten bis zum Abitur unter einem Dach zu organisieren. Das ist wohl bisher einmalig.

das-ist-rostock.de: Was sind Ihre pädagogischen Konzepte? Und sind sie denn so einfach auf das Gymnasium zu übertragen?

Sergio Achilles: Unser künstlerischer Schwerpunkt  der "Kinderkunstakademie" kann sicher weiter ausgebaut werden, indem wir unsere vorhandenen Kooperationen mit der Universität, mit der Hochschule für Musik und Theater, mit den regionalen Musikschulen enger gestalten und um weitere Kooperationen ergänzen, zum Beispiel  mit dem Volkstheater. Dafür steht unser Raumkonzept und unser pädagogischer Ansatz. Zentraler Punkt sind die Inspirationsthemen, die sich über einen längeren Zeitraum durch alle Fächer und den Freizeitbereich ziehen. Unterrichtsinhalte bzw. Lernstoffe werden jeweils darauf eingestellt. Die Idee dafür kommt aus Dänemark. Ein aktuelles Inspirationsthema dafür war zum Beispiel im vergangenen Jahr das Medienthema um den einzelnen Kaiserpinguin, der sich bis nach Neuseeland verirrt hatte. In Kunst, Sachkunde, Mathe, Englisch, Musik und anderen Fächern waren alle Kinder begeistert dabei. Mit den Inspirationsthemen fangen wir schon in der Kita an - das wird auch ein Teil des pädagogischen Konzeptes der Kita in Gehlsdorf sein. Aber dazu brauchen wir natürlich flexibles Personal.

das-ist-rostock.de: Sie suchen auch nach neuen Lehrern und Erziehern?

Der Schulcampus der Kinderkunstakademie in Kassebohm wird erweitert. , Foto: Frank SchlößerDer Schulcampus der Kinderkunstakademie in Kassebohm wird erweitert.Foto: Frank SchlößerSergio Achilles: Im Moment haben wir rund 600 Mitarbeiter im Institut, aber das werden mehr. Allein für die Kita Gehlsdorf besetzen wir zehn pädagogische Stellen neu, dazu Hauswirtschafts-Personal. Für den Kita-Bereich suchen wir ständig neue Mitarbeiter, im nächsten Jahr haben wir drei Lehrerstellen zu besetzen. Wir schaffen unbefristete, sichere Arbeitsplätze und zahlen Tarif, der mit dem Öffentlichen-Dienst-Tarif auf Augenhöhe ist. Das ist eine solide Basis. Wir haben einen Tarifvertrag mit der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Das pädagogische Trägerkonzept, die Arbeitsbedingungen für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unseren landesweit 44 Kitas und Rostocker Schulen, sind sicher auch ein guter Grund dafür, dass viele Pädagogen in unseren Einrichtungen tätig werden möchten.

das-ist-rostock.de: Dann befinden Sie sich sicher in Konkurrenz zu den staatlichen Schulen.

Sergio Achilles: Nein, so ist das nicht, so fühlen wir uns nicht und das nehme ich auch für mich nicht an. Die Vielfalt der pädagogischen Konzepte ist wichtig, und da haben alle ihre Existenzberechtigung. Es gibt sehr gute staatliche Schulen und sehr gute Schulen in freien Trägerschaften. Wir lernen voneinander. In Brickmansdorf betreiben wir den Hort für eine staatliche Schule. Das verbindet uns und es funktioniert sehr gut.

das-ist-rostock.de: Aber es bleibt beim Schulgeld?

Sergio Achilles: Ja, wir bekommen vom Land 85 Prozent der Personalkosten, mit dem Schulgeld bezahlen wir die restlichen 15 Prozent und einen Teil der Baukosten. Dann bleiben immer noch zwei Stipendien pro Klasse für Kinder aus sozial schwachen Familien übrig, für die die Eltern kein Schulgeld bezahlen. Chancengleichheit für alle Kinder, unabhängig von ihren sozialen Verhältnissen, ist uns wichtig und das leisten wir uns. Unsere Schulen sollen für alle zugänglich sein.

das-ist-rostock.de: Mit der Forderung des Landes zur Integration von Kindern mit Handicap in normale Schulklassen kommen Sie zurecht?

Sergio Achilles: Ja, die sogenannte Inklusion gelingt uns vielleicht noch besser als manchen anderen Schulen, weil wir uns bei unserem Neubau in Kassebohm auf die Barrierefreiheit einstellen konnten. In der Wasserturmschule haben auch wir unsere vorhandenen baulichen Schwierigkeiten. Grundsätzlich sehen wir in der Inklusion den richtigen Weg und haben uns rechtzeitig um entsprechend geschultes Personal gekümmert. Wie zum Beispiel unsere speziell ausgebildete Fachberaterin für Begabte und Hochbegabte sowie für Kinder mit Lernschwierigkeiten, die unsere Lehrer in der Diagnostik unterstützt. In Schweden und Dänemark wird die Inklusion seit Jahrzehnten praktiziert - mit großen Erfolgen.

das-ist-rostock.de: Die Demografen warnen vor aussterbenden Landstrichen, wegziehenden Familien und einer alternden Gesellschaft. Und Sie bauen Kitas und Schulen?

Sergio Achilles: In einer Studie werden die Großräume Rostock und Greifswald als dauerhafte wirtschaftliche Wachstumszentren benannt, deshalb wollen wir ja auch in Greifswald ab 2016 noch eine erweiterte Grundschule bauen. Das sieht natürlich anders in den Altkreisen Uecker-Randow, Ostvorpommern, Nordvorpommern, aber auch in Bereichen wie Parchim und Nordwestmecklenburg aus. Dort sind die Einwohnerzahlen rückläufig, es findet nach wie vor eine Abwanderung junger Menschen in das westliche Bundesgebiet statt - aber zum Teil eben auch nach Greifswald und Rostock. Die Urbanisierung ist ein langfristiger weltweiter Trend, der woanders noch viel dramatischer verläuft als in Deutschland. Sicher gibt es auch in MV irgendwann menschenleere Landstriche. Aber ist das wirklich ein Problem? Wir müssen keine Angst davor haben, dass wir aussterben.

das-ist-rostock.de: Sergio Achilles, danke für das Gespräch.

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HINTERGRUND

Sergio Achilles hat auf der Warnow-Werft gelernt und danach bis 1987 in Rostock Pädagogik studiert. Nach der Wende war er für elf Jahre bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Seit dem Jahr 2002 führt er die Geschäfte für das Institut "Lernen und Leben" e.V., absolvierte zwischendurch ein Studium an der Hochschule in Erfurt zum Sozialbetriebswirt (FH).